Martin Stather – Anmerkungen zur plastischen Arbeit von Alfio Giuffrida

MODULE
Gerne erinnert man sich an die eigene Kinderzeit, die Spiele mit Teddybär, Eisenbahn und dem ersten Metallbaukasten. Viele verschiedene Elemente gab es da, miteinander verbindbar vermittels Schrauben, und der Vielfalt der eigenen (oder in der Anleitung vorgegebenen) Ideen war kaum eine Grenze gesetzt.
In der Kunst sind Systeme, die mit Modulen arbeiten, eher die Ausnahme. In der konkreten Kunst finden sich noch am ehesten Beispiele; etwa in Variationen eines Formenkanons, der Grundstrukturen vorgibt, um damit entweder spielerisch oder nach mathematischem Kalkül umzugehen.
Alfio Giuffrida bedient sich eines Modulsystems, das nicht bereits existiert, sondern das er selbst vorgibt, aus seiner eigenen Erfindung erwächst. Die Einzelteile erwecken allerdings die Vorstellung vorgefertigter Teile, die einem kunstfremden, eher industriellen Zusammenhang entspringen. Lackiert oder verchromt, wirken die Plastiken seltsam unnahbar, als Beispiele zweckdienlicher industrieller Formgebung. Die verchromten oder verzinkten Gerippe, aus dünnem Rohrmaterial gefertigt, sind wie Portale, Durchgänge in eine andere Welt. In ihrer Fragilität und Transparenz wirken sie auf den ersten Blick wie Gerüste, Skelette, die einen Raumkörper nur behutsam beschreiben, seine Umrisse festlegen, jedoch kein wirkliches Volumen füllen. Beinahe wie Schattenrisse ragen Giuffridas Bildwerke in den Raum, leicht und ephemer und doch von einer Tektonik, die Solidität und Ruhe vermittelt. Den menschlichen Körper machen sie sich zum Maß, beschreiben, umschreiben seine Form immer wieder aufs Neue.

BEWEGUNG
Dann gibt es die Arbeiten aus bemaltem Flachstahl, die Figuren bilden, oft beweglich sind. Die Variabilität dieser Arbeiten, die einzelne Teile ausklappbar und durch die Gelenke verformbar halten, ist jedoch immer auf eine Symmetrieachse hin konzipiert, die die Arbeiten teilt. Auch in dieser relativ strengen Symmetrie scheint der menschliche Körper auf, ist das Maß der Dinge. Giuffrida abstrahiert vom Körper, um zu neuen Figurationen zu gelangen, die dem Raum eine nur auf den ersten Blick merkwürdige Zwittereigenschaft einschreiben, indem sie die Dualität von Zwei- und Dreidimensionalität zeigen. Wie eine Figur mit Schatten verdoppeln sich die flachen Körper und stoßen damit in den sie umgebenden Raum vor. In einer zusammengeklappten Grundform sind diese Arbeiten konzeptuell – erst das Ausklappen, die vielfältigen Variationen im Bereich des faktisch Möglichen erwecken sie zum Leben, lassen Veränderung als inhaltliches Konzept erkennbar werden. Damit wird die Plastik zu einem Konzept in Bewegung, wird die Beweglichkeit und Veränderbarkeit nicht zum Attribut sondern zum Ziel der Arbeit. Giuffrida rechnet mit der geistigen Beweglichkeit des Betrachters, der nicht unbedingt aufgefordert ist, selbst Veränderungen vorzunehmen, die Idee hinter der Bewegung jedoch versteht und nachzuvollziehen vermag. Das transitorische Moment wird zur Konstituierenden der Plastik, die Vorstellungskraft des Betrachters Hauptziel des künstlerischen Ansatzes. Eine relativ strenge und leicht nachvollziehbare Statik scheint diesem Ansatz zunächst zu widersprechen; aber gerade das Überführen von einer Figur zu einer möglichen nächsten lässt die Plastik sozusagen innehalten, immer wieder zu einer neuen, fest gefügten Figur finden.

ÄSTHETIK
Ein Merkmal Giuffrida’scher Konstruktionen ist die Transparenz der Konstruktion. Verbindungselemente werden offen gezeigt, nichts wird versteckt, so dass auch die Beweglichkeit sofort nachvollziehbar wird. Auf ein Minimum entkleidet, zeigen sich die Arbeiten in herber Schönheit und verkörpern damit eine Ästhetik des „form follows function“. Die Simulation industriell vorgefertigter Teile ist perfekt, jedoch werden alle Teile eigens nach Entwurf des Künstlers hergestellt. Gerade diese Simulation, die handwerkliche Ausführung von Teilen, denen unwillkürlich das Odium der Großserienfertigung anhaftet, der Hinweis auf eine vorindustrielle Produktion, macht die Reibungsflächen zwischen alltäglicher Wahrnehmung und künstlerischer Produktion aus. Die Übertragung industrieller Ästhetik in den Kanon künstlerischer Arbeit vollzieht Giuffrida auf radikale Art und Weise, lässt die visuellen Unterschiede verschwinden und schafft so ein zusätzliches Moment der Irritation beim Betrachter. Gängige ästhetische Kriterien der Kunstbetrachtung müssen hier zwangsläufig versagen, dafür wird der Zugang zur Erfahrungswelt des Betrachters in alltäglichen Zusammenhängen geschaffen.


DO IT YOURSELF
In seiner neueren Produktion verwendet der Künstler verstärkt Fundstücke, banale Kleinteile aus Plastik, wie sie uns täglich begegnen. Hatte er zunächst damit begonnen, transparente CD-Hüllen mit Metallteilen in einer seriellen Fertigung plastisch zu ergänzen, füllt er nun transparente Plastikverpackungen mit farbigen Einzelteilen, die wie im Kaufhaus angebotene Sets aus der Kurzwaren- oder Werkzeugabteilung für einen unbekannten Zweck wirken. In immer neuen Zusammenstellungen werden ästhetische samples erprobt, die die Perfektion von Massenprodukten ausstrahlen, aber auch die Beliebigkeit der verwendeten Formen deutlich machen. Erst in der bewussten künstlerischen Konstruktion der jeweiligen Zusammenstellung wird diese Beliebigkeit aufgehoben. Giuffrida ermuntert auch hier den Betrachter zu einer eigenen künstlerischen Leistung, indem er diese Sets als Do it yourself-Baukästen anbietet, bei denen der Käufer jeweils selbst entscheiden kann, wie und welche mitgelieferten Formen er für sein ganz individuelles Produkt verwendet. Auf diese Art und Weise entstehen einzigartige Kunstwerke, für die der Künstler nur das Konzept geliefert hat, die gleichzeitig aber implizit Teil seiner Kunstproduktion sind. Die Interaktion zwischen Künstler und Betrachter wird so zur zentralen Schnittstelle der Kunst Alfio Giuffridas.
Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Giuffrida mit seinen Plastiken einen Weg radikaler Ästhetik beschritten hat, die den Nerv der postindustriellen Gesellschaft in ihrer Alltagserfahrung trifft. Ob im Taschenformat oder in Überlebensgröße, seine Arbeiten finden immer das rechte Maß, sind selbst, höchst ungewöhnlich, in ihrer Größe nicht eindeutig festlegbar, da sie in jeglichem Format funktionieren. Auch die neuen Set-Wandarbeiten, die zwingend die Serie erfordern, um den dahinter stehenden Gedanken zu verdeutlichen, sind durchaus größer und viel größer denkbar.
Der Künstler nennt seine Produktion seit kurzem A.G. Sinnwerke; was er damit andeutet, ist die Vermittlung künstlerischer Praxis und selbst die Übertragung derselben auf den Kunstkonsumenten und damit eine Verschränkung von Kunst und Produktion. Die A.G. Sinnwerke produzieren für den Betrachter Sinnhaftigkeit und haptisch fassbare Sinnlichkeit gleichermaßen, schaffen eine Realität in der Kunst, die logisch nachvollziehbar und poetisch zugleich ist.

Mannheim, im Juni 2004